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SoSe 2011: Kunst und Arbeit

Analysen zur gegenwärtigen Entwicklung der modernen Arbeitsgesellschaft zeigen, dass neue Produktionsformen und die mit ihnen verbundenen Arbeitsprofile vielfach auf Attribute zurückgreifen, die traditionell der Kunst und der Künstlerexistenz zugeschrieben wurden. Das projektförmige selbständige Arbeiten in zeitlich begrenzten Netzwerken bekommt Modellcharakter für den zeitgenössischen Arbeitsbegriff und der Markt entdeckt das produktive Potential des Schöpferischen und Kreativen. Gleichzeitig gilt Kunst noch immer als Ort der Kritik, an dem alternative Gegenentwürfe zum modernen Arbeitsbegriff entwickelt werden. Die unterschiedlichen Formen der Kunst bieten von der antiken vita contemplativa über die Formel vom „interesselosen Wohlgefallen“ bis hin zu Formen der Parodie und des Spiels den Ort für Möglichkeiten der An-Ökonomie, der Unterbrechung und der Alternative zum Ökonomischen. Als Grenzbegriff, der von der Partizipation an und der Opposition zur Arbeit geprägt ist, bietet Kunst einen ausgezeichneten Zugang zur Analyse der Entwicklung der neuzeitlichen Arbeitsanthropologie, in der Arbeit zur Wesensbestimmung des Menschen schlechthin wird. Weder die Entstehung noch die Krise dieser anthropologischen Konzeption sind ohne den Rekurs auf die Künste zu verstehen.

Die Forschungsklasse widmet sich diesem komplexen Verhältnis von Kunst und Arbeit aus drei Perspektiven. Sprach- und begriffsgeschichtlich in der Untersuchung der semantischen Felder beider Begriffe, ihrer Verwendungsweisen und ihrer Bedeutungsverschiebungen. Diskurstheoretisch durch die Analyse der unterschiedlichen Kunst- und Arbeitsdiskurse an historischen Wendepunkten von der Antik bis zur Gegenwart. Kultur- und sozialwissenschaftlich durch die Analyse der Inkorporationsformen ästhetischer Konzepte und Strategien in die Konzeptionen postmoderner Arbeitsprozesse. Diskutiert werden sollen theoretische Grundlagentexte (u.a. Arendt, Locke, Marx), einschlägige Künstlermodelle (u.a. Müßiggänger, homo creator und deus artifex, Genie, Virtuose, Bricolage) sowie deren Adaption in modernen Arbeitsanalysen (u.a. Boltanski/Chiapello, Virno, Bröckling).

Die Forschungsklasse richtet sich an Studierende aus allen drei Abteilungen, die ein besonderes Interesse an interdisziplinären, forschungsorientierten Fragestellungen haben und das Engagement mitbringen, sich neben ihrem Studium in den grundständigen Studiengängen auf aktuelle, fächerübergreifende Forschungsfragen einzulassen. Das Seminar ist vierstündig konzipiert. Neben intensiver Textlektüre werden Gastreferenten zu einzelnen Themen vortragen und die Möglichkeit zur intensiven Diskussion bieten. Abschließend ist ein Wochenend-Workshop mit ausgewiesenen Experten geplant. Planung und Organisation des Workshops erfolgen in Absprache mit den Teilnehmern der Forschungsklasse.

Literatur zur Vorbereitung

  • Arendt, Hannah (1999): Vita activa oder Vom tätigen Leben, München.
  • Boltanski, Luc / Chiapello, Ève (2006): Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz.
  • Bröckling, Ulrich / Horn, Eva (Hgg.) (2002): Anthropologie der Arbeit, Tübingen (= Literatur und Anthropologie 15).
  • Mattenklott, Gert (1996): „Zugunsten des Müßigen“. In Wulf, Christoph (Hg.): Leben als Arbeit? Zur Anthropologie eines historischen Phänomens. Paragrana. Internationale Zeitschrift für Historische Anthropologie. Heft 2. Berlin, 161-175.
  • Virno, Paolo (2005): Grammatik der Multitude. Untersuchungen zu gegenwärtigen Lebensformen, Berlin.

Bermerkung

Wenn Sie sich für die Forschungsklasse anmelden möchten, schicken Sie bitte bis zum 1. März ein kurzen Motivationsschreiben (1 Seite) an Anja Lemke, in dem Sie, neben Angaben zum Studiengang, kurz skizzieren, welche Aspekte des Themas Sie besonders interessieren. Am Do, den 24. März findet um 15.00 Uhr eine Vorbesprechung in Raum S 55.