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Nachruf auf Prof. Dr. Karl Otto Conrady

 

Mit Karl Otto Conrady verstarb am 1. Juli 2020 in Köln einer der angesehensten deutschen Germanisten der Nachkriegsgeneration, die das Fach der Neueren deutschen Literatur nicht nur wissenschaftlich, sondern auch kulturpolitisch maßgeblich geprägt haben.

Geboren am 21. Februar 1926 in Hamm trat er in früher Jugend in das „Deutsche Jungvolk“ ein, das ihn sowohl zum „Jungstammführer“ als auch zum NSDAP-Mitglied werden ließ. Die Selbstaufklärung und stete Auseinandersetzung mit dieser Zeit spielten für Karl Otto Conrady bis in die letzten Jahre seines Lebens eine zentrale Rolle.

Das Studium der Germanistik und Latinistik konnte erst nach dem Militärdienst und der Gefangenschaft 1947 in Münster aufgenommen werden. Es stand zunächst ganz im Zeichen der Philologie: „Am Anfang war die Freude am Lesen. Philologe kann nur werden und sein, wen die Lust am Lesen gefangen hält. Für ihn sind Mensch, Gesellschaft, Welt, Geschichte nur begriffen und begreifbar im formulierten Wort“.

Damit sind Stichworte für die weitere Arbeit Conradys vorgezeichnet. Die 1953 in Münster abgeschlossene Dissertation über Heinrich von Kleist zeigt bereits das Interesse an einem Autor, bei dem Fragen des Moralischen in der Literatur wie bei seinem Interpreten durchgehend thematisiert werden. In einem charakteristischen Aufsatz über Kleist betont Conrady etwa, dass die bloße Feststellung von Stilphänomenen nicht genügen könne, vielmehr müsse der Leser zum „Partner des suchenden Dichters“ werden, um die Frage des Moralischen angemessen zu thematisieren. Die 1957 ebenfalls in Münster erfolgte Habilitation mit einer grundlegenden Studie zur „Lateinischen Dichtungstradition und deutschen Lyrik des 17. Jahrhunderts“ (1962 erschienen) bringt die Philologie insofern auf den Punkt, als die Untersuchung der neulateinischen Dichtung als „entscheidendes Bindeglied zwischen den antiken und modernen Literaturen" zentrale Aspekte der europäischen Literatur und Kultur aufwirft, indem sie die Maßstäbe der an den goethischen und nachgoethischen Lyrik orientierten Kategorien der sogenannten
„Erlebnislyrik“ außer Kraft setzt. Ein im Einzelnen beobachtetes‚ rhetorisches Verhältnis zum Wort‘ als objektivierendes Mittel der Kunstsprache führt Conrady zum Begriff der „nicht-lyrischen Lyrik“, der zugleich Verbindungen zur Gegenwartsdichtung eröffnet und bereits auf Hugo Friedrichs „Struktur der modernen Lyrik“ vorausweist.

Von anderer Art ist seit Mitte der 60er Jahre Conradys entschiedenes wissenschaftspolitisches Engagement gegen die völkische und nationalsozialistische Germanistik. Noch vor der Studentenrevolte schließen sich 1965 Literatur- und Sprachwissenschaftler unter dem 1949 aus dem Exil nach Köln zurückgekehrten Richard Alewyn zusammen, um gegen Traditionen einer verhängnisvollen „Deutschwissenschaft“, die zur „Dienerin des Dritten Reichs“ geworden war, zu protestieren. Hauptbeteiligte sind außer Karl Otto Conrady u. a. Eberhard Lämmert, Walther Killy und Peter v. Polenz. Sie sehen gerade in den nationalpädagogischen Zielen der NS-Germanistik eine spezifische Prädisposition für die Fehlorientierung des Faches. Conrady wurde zum wichtigsten kritischen Wortführer auf dem epochemachenden Münchner Germanistentag 1966 („Germanistik - eine deutsche Wissenschaft“ [1967]) und darüber hinaus; so auch in einem Beitrag zur „Völkisch-nationalen Germanistik in Köln“ (1990).

Nach Stationen in Göttingen (1958-61); Saarbrücken (1961) und Kiel (1962-69) nahm Karl Otto Conrady 1969 einen Ruf an die Universität zu Köln an, wo er – ein engagierter Hochschullehrer – bis zu seiner Emeritierung blieb. Während seiner Kieler Zeit betätigte er sich neben seiner Lehrtätigkeit für einige Zeit in der politischen Praxis, indem er sowohl als SPD-Abgeordneter im Schleswig-Holsteinischen Landtag arbeitete als auch die Position eines Vorsitzenden des dortigen Kulturausschusses übernahm (1967-69). Die spätere Tätigkeit als Vorsitzender des Deutschen Germanistenverbandes (1976-79) und als Präsident des deutschen PEN-Clubs und das große Engagement beim gelungenen  Zusammenschluss der beiden PEN-Zentren von Ost und West (1996-1998) erscheint nur folgerichtig und bleibt höchst verdienstvoll.

In der Öffentlichkeit weithin bekannt wurde Karl Otto Conrady mit seiner zuerst 1977 und dann in immer neuen Auflagen erschienenen großartigen deutschsprachigen Lyrik-Anthologie für „Liebhaber der Literatur“: „Der Große Conrady“. Ein offener Lyrik-Begriff („Lyrik muß nicht lyrisch sein“) ohne Epochenabgrenzungen liegt auch dem später mit dem Südwestrundfunk und Radio Bremen gemeinsam produzierten „Hör-Conrady“/ „Lauter Lyrik“ (2008) zugrunde. Die Auswahl bei der Lektüre von Gedichten vom Mittelalter bis in die Gegenwart wird den Lesern selbst überlassen. Es geht auch hier um „keine zeitlos gültigen Meisterwerke“, vielmehr um „beachtenswerte Zeugnisse“ an ihrem geschichtlichen Ort: „Immer sind Absicht und Möglichkeiten des Dichters in seiner literarischen und allgemeingeschichtlichen Situation zu berücksichtigen“.

Dem liegt prinzipiell auch die Konzeption der zuerst 1982/84 erschienenen Monographie über Goethes „Leben und Werk“ zugrunde (Neuausgaben 1994 und 2006). Karl Otto Conrady hat wiederholt betont, dass diese umfassende Darstellung nicht für „die gelehrte Literaturwissenschaft und kenntnisreichen Kritiker“ geschrieben sei, sondern für ein kulturell und historisch interessiertes Publikum. In Abgrenzung zu Emil Staigers schöngeistiger und Kurt Rudolf Eisslers psychoanalytischer Interpretation vermeidet Conrady eine homogenisierende Darstellung, indem es souverän gelingt, Goethe in den komplexen politisch-gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit zu würdigen. Auch neuere Goethe-Gesamtdarstellungen müssen sich an diesem Buch messen lassen.

Karl Otto Conradys vielfach ausgezeichnetes Wirken in der Germanistik, der literarischen Öffentlichkeit und Politik zeigt eine imponierende Lebensleistung, die in lebendiger Erinnerung bleiben wird.

 

Wilhelm Voßkamp