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Stefan George und sein Kreis zwischen Ästhetizismus und Medienpolitik

Forschungsklasse im WS 2015/16 (Prof. Dr. Torsten Hahn/Dr. Daniela Gretz)

Stefan George und sein Kreis sind nicht nur als literatur-, medien- und kulturgeschichtliche Phänomene der Jahrhundertwende um 1900 aus interdisziplinärer Perspektive interessant, sondern auch aufgrund der, zuletzt durch Thomas Karlaufs Biographie und Ulrich Raulffs Buch zum ‚Nachleben‘ Georges dokumentierten, anhaltenden kontroversen öffentlichen Diskussion zu deren historischer Einordnung. Die Forschungsklasse wird sich gleichermaßen dem radikalen Anspruch auf Kunstautonomie im Ästhetizismus der 1890er Jahre widmen wie dessen sukzessiver Ausweitung zur Lebensform eines „ästhetischen Absolutismus“ (Müller) bzw. „ästhetischen Fundamentalismus“ (Breuer) mit dem kulturellen Führungsanspruch des George-Kreises als geistiger Elite nach der Jahrhundertwende. Dabei soll vor allem die Medienpolitik des Kreises (Sprache als Medium der Poesie; Stefan-George-Schrift; rituelles ‚Hersagen‘ von Gedichten; Briefkultur; Publikationspolitik und Buchgestaltung; Zeitschriftenprojekte und Anthologien; Außendarstellung in Presse, Fotografie und plastischer Kunst) als integraler Faktor dieser Ausweitung untersucht und das auf den ersten Blick paradoxale Verhältnis von ästhetizistischer Kunstautonomie und kulturellem Führungsanspruch näher beleuchtet und im Spannungsfeld von ‚Ästhetisierung der Politik‘ und ‚Politisierung der Kunst‘ verortet werden. Abschließend wird das intertextuelle ‚Nachleben‘ Georges in der Gegenwartsliteratur (Hubert Fichte, Thomas Kling, Christian Filips, Dirk von Petersdorff, Nico Bleutge u.a.) in den Blick genommen.

Nach einem Vorgespräch zu Beginn des Semesters, in dem das Arbeitsprogramm festgelegt und die zu lesende Literatur zur Vorbereitung auf Arbeitsgruppen verteilt wird, soll die Forschungsklasse in zwei Blöcken durchgeführt werden: Einem Workshop in Köln am 23./24. Oktober 2015 und einem Workshop in Bingen am 6.11.2015 mit anschließendem Besuch der dort stattfindenden Jahrestagung der George Gesellschaft zum Thema „Stefan George und die Briefkommunikation im Kreis“ am 7./8.11.2015. Im Rahmen beider Blöcke sind Gastvorträge bzw. intensive zweistündige Workshops mit auswärtigen Spezialisten (u.a. Prof. Dr. Jürgen Brokoff, FU Berlin, Prof. Dr. Armin Schäfer, FernUniversität in Hagen, Prof. Dr. Ernst Osterkamp, HU Berlin, Prof. Dr. Christine Haug, LMU München) vorgesehen, in Bingen wird zudem in Kooperation mit George Archiv und George-Gesellschaft ein Überblick über die Bestände des Stefan George Archivs in Stuttgart und ein Einblick in die Arbeit literarischer Gesellschaften an der Schnittstelle von Wissenschaft und Öffentlichkeit gegeben.

Die Zahl der Teilnehmer ist auf maximal zwanzig Studierende beschränkt; Voraussetzung für die Teilnahme ist ein kurzes schriftliches Motivationsschreiben und die verbindliche persönliche Anmeldung (hahn-lehrstuhl(at)uni-koeln.de; daniela.gretz(at)uni-koeln.de). Es wird ein Reisekostenzuschuss von 20 € pro Tag gewährt.

 

Literatur zur Vorbereitung:

Breuer, Stefan: Moderner Fundamentalismus. In: Ders.: Die radikale Rechte in Deutschland 1871-1945. Eine politische Ideengeschichte. Stuttgart 2010, S. 80-111.

Braungart, Wolfgang: „Durch Dich, für Dich, in Deinem Zeichen“. Stefan Georges poetische Eucharistie. In: George-Jahrbuch 1 (1996/1997), S. 53–79.

Blasberg, Cornelia: Charisma in der Moderne. Stefan Georges Medienpolitik. In: DVjs 74 (2000), Heft 1, S. 111-145.